Texte

Es gibt wunderbare Bücher. Zu viele, um sie alle lesen zu können. Dafür aber ausreichend viele, um immer wieder aufs Neue einzutauchen in Geschichten und Gedanken-Welten, die uns berühren und verändern können. Gerne möchte Ich Ihnen an dieser Stelle einige literarische Anregungen anbieten. Vielleicht haben Sie Lust, einmal darin zu lesen. Ich arbeite in meinen Sitzungen gerne mit Texten von denen meine Klienten mir berichten. Oder in der Stunde entsteht ein Zusammenhang, und ich rege an etwas Bestimmtes zu lesen. Ähnliches kann auch für Filme und Musik gelten.

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex Band 2 und 3

„Früher war sie lustig, der kleine Punk aus dem Jura – sehr gesund und ein bisschen schroff. Halt der Typ, den man küsste, wenn man zu viel getrunken hatte, weil sie darauf wartete, weil sie rührend war, weil sie greifbar war und man keine Angst haben musste, sich eine Abfuhr zu holen. Er hat schöne Nächte mit ihr verbracht, überrascht, dass sie im Bett so sinnlich und weiblich war. Aber danach war er ihr immer ein paar Tage aus dem Weg gegangen, hatte sich mies gefühlt, weil er nicht wusste, wie er ihr sagen soll, dass er nicht die Absicht hatte weiterzumachen. Wenn er nüchtern war, hatte er nicht die geringste Lust auf sie. Sie war kultiviert genug, ihr Verletztsein nicht zu zeigen, tat sogar so, als hätte sie vergessen, dass da was gewesen war. Sie machte kein Theater.“

„Das Problem mit der Erlösung ist, dass es sich anfühlt, wie von Crack auf Kamille umzusteigen: Man ahnt, dass es ganz toll ist, aber im Moment ist es erst mal viel weniger lustig.“

„Die Geschichten laufen immer so: Sie nähren sich aus Ereignissen, die ganz harmlos daherkommen, aber Schlüssel sind, die sich drehen und Welten unerwarteter Gemeinsamkeit öffnen.“

„‚Du bist wie ein Ofen, weißt du das? Deswegen sind wir alle hier‘, und er zeigt dabei auf die Leute ringsum. Er streitet sich fast mit jedem in der Gruppe – egal, worum es geht, er schafft es, etwas zu sagen, was die anderen aufregt, aber irgendwie ist das seine Aufgabe geworden: Er sorgt für Leben.“


„Narzisstische Störung … Das beschreibt genau sein Verhalten, aber das sagt nichts über ihn. Max ist brilliant. Er ist lustig, gebildet, originell, intelligent und scharfzüngig. Er bemächtigt sich jedes beliebigen Themas und drückt es durch sein ganz spezielles Raster, entblößt es unter einem neuen, stichhaltigen Blickwinkel. Er sieht die Welt von oben oder schräg – nie so, wie man es erwartet. Stéphanie verdankt ihm viel. Sie hat sich durch ihn entwickelt. Max war anspruchsvoll und großzügig. Als er sie kennenlernte, hat er an sie geglaubt, er hat sie getragen, getrieben, ermutigt. Dann hat er aufgegeben. Sie hat ihn enttäuscht. Er bliebt zärtlich, aber distanziert. Wie zu jemandem, der dich mächtig langweilt, der dir nicht mehr das Wasser reichen kann. Sie war ihm nicht gewachsen. Das hat sie zerstört.

Die Frau von Max zu sein war wichtiger, als glücklich zu sein. Weil er wunderbar war. Du bleibst nicht bei einem „narzisstisch Gestörten“, weil er Kälte und Hitze abwechselt und dich aus dem Gleichgewicht bringt. Du bleibst, weil er brillianter ist als alle Männer, die du davor getroffen hast, und als alle Männer, die du danach treffen wirst. Du bleibst, weil du weißt, dass du dich nach so einem Mann immer ein bisschen langweilen wirst. Sie hat viel verloren mit Max. Er hat sie betrogen, belogen, gedemütigt, ihr eingeredet, sie sei nur Mittelmaß … und trotzdem war es das wert.“

„Er und Charles hatten sich sehr gemocht. Eine echte Freundschaft hat immer etwas von Verliebtheit, Ausschließlichkeit, Unmittelbarkeit, eine ebenso unerklärliche Alchimie wie das körperliche Verlangen. Sie saßen gern nebeneinander und kommentierten alles, was sie sahen. Sie langweilten sich nie miteinander.“

Adam Haslett: Stellt euch vor, ich bin fort

„Zum ersten Mal wurde mir bewusst, wie unmoralisch Angst ist: Man löscht die Realität anderer aus, wenn man sie als Palliativ missbraucht.“

Wäre sie nicht meine beste und vielleicht einzige Freundin gewesen, hätte ich ihr nicht geglaubt. Aber sie hat sich nie verstellt. Dazu fehlt ihr die Energie, weil sie nirgendwohin gelangen will, hat sie keinen Grund, andere zu belügen oder zu manipulieren. Das ist einer der Vorteile, wenn man keinen Ehrgeiz hat.“

„Man mag sich zu einer Person hingezogen fühlen, räumt Marcel Proust ein, aber um jene Traurigkeit auszulösen, jene Beängstigung, die der Liebe vorausgeht, brauche es – und dies sei vielleicht , mehr noch als eine bestimmte Person, das eigentliche Objekt unserer Leidenschaft – das Risiko der Unmöglichkeit.“

„House Musik ist heute so allgegenwärtig, dass sie vielleicht gar nicht mehr wahrgenommen wird, aber in ihren Anfängen war sie, wie jede authentische Kunst, imstande, die Strukturen der Gegenwart zu enthüllen: Sie führte den Körper in die Elektronik und den Geist in die Viurtualität. Und sie legte nicht nur Strukturen bloß, sondern gab dem Körper auch ein Mittel zu ihrer Verwandlung an die Hand, indem sie die neue Unbarmherzigkeit so menschlich werden ließ wie den Tanz.“

Soundsysteme verwandeln normale Wagen in Fluchtfahrzeuge, auch wenn man gar kein Fluchtziel hat. Eine Fahrt zum Supermarkt, das sind fünf Minuten, in denen man den Sturm vom Paradies genießen kann. Die bösen Blicke an den roten Ampeln, wenn alte Säcke sich an Geschützfeuer erinnert fühlen, nehme ich in Kauf. Das Gefühl der Erleichterung ist zu selten, als dass man aus Gründen der Höflichkeit darauf verzichten sollte.

Ohne nachzudenken, verschränkte ich die Finger fester mit seinen. Ich fühlte mich zurückversetzt in ein jüngeres, vertrauensvolleres Ich. Als er meine Hand drückte, überfiel mich reine Nostalgie, die sehnsüchtige Erinnerung an etwas, das ich nie kennengelernt hatte. Die Sehnsucht nach einem Augenblick wie diesem. Als hätte ich damals, als Teenager, tatsächlich den ersehnten Jungen kennengelernt, als hätten wir uns ineinander verliebt und intime Ekstasen erlebt. Und als könnte ich endlich den Verlust dieses imaginierten Glücks betrauern.“

Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios

„Hast du dir jemals einen Ort ausgedacht“, sagtest du, „und dich dann dorthin versetzt? Hast du dich jemals von hinten gesehen, wie du weiter und tiefer in diese Landschaft hineingehst, weg von dir selbst?“

Wie konnte ich dir klarmachen, dass das, was du mir da erzähltest, Schreiben ist? Wie konnte ich sagen, dass wir uns trotz allem so nahe sind, die Schatten unserer Hände auf zwei verschiedenen Seiten ineinanderfließen?“

„Ich schreibe, weil man mir gesagt hat, niemals einen Satz mit weil anzufangen. Aber ich wollte keinen Satz bilden – ich wollte freikommen. Weil Freiheit, so heißt es, nur der Abstand zwischen dem Raubtier und seiner Beute ist.“


Benjamin Alire Sáenz: Aristoteles und Dante

„Ich stand jeden Morgen sehr früh auf und humpelte zu meinem Pick-up, der in der Garage stand. Ich fuhr ihn rückwärts auf die Einfahrt. In einem Pick-up-Truck gab es ein ganzes Universum zu entdecken. Wenn ich hinter dem Lenkrad saß, schien mir alles möglich. Es war seltsam, solche optimistischen Augenblicke zu erleben. Seltsam und schön… Das Radio einzuschalten und einfach dazusitzen war meine Form des Betens.“

 John Williams: Stoner

„In seinem dreiundvierzigsten Jahr erfuhr William Stoner, was andere, oft weit jüngere Menschen vor ihm erfahren hatten: dass nämlich jene Person, die man zu Beginn liebt, nicht jene Person ist, die man am Ende liebt, und dass Liebe kein Ziel, sondern der Beginn eines Prozesses ist, durch den ein Mensch versucht, einen anderen kennenzulernen.“

„Als William Stoner sehr jung war, hatte er die Liebe für einen vollkommenen Seinszustand gehalten, zu dem Zugang fand, wer Glück hatte. Als er erwachsen wurde, sagte er sich, die Liebe sei der Himmel einer falschen Religion, dem man mit belustigter Ungläubigkeit, vage vertrauter Verachtung und verlegener Sehnsucht entgegensehe sollte. Nun begann er zu begreifen, dass die Liebe weder Gnade noch Illusion war; vielmehr hielt er sie für einen Akt der Menschwerdung, einen Zustand, den wir erschaffen und dem wir uns anpassen von Tag zu Tag, von Augenblick zu Augenblick durch Willenskraft, Klugheit und Herzensgüte.“ 

Charlie Chaplin: Rede zu seinem 70. Geburtstag

„Vertrauen

Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, habe ich verstanden, dass ich immer und bei jeder Gelegenheit zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin und dass alles, was geschah, richtig ist. Von da an konnte ich ruhig sein. Heute weiß ich, das nennt sich Vertrauen!

Selbstachtung

Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, habe ich verstanden, wie sehr es jemanden beschämt, ihm meine Wünsche aufzuzwingen, obwohl ich wusste, dass weder die Zeit reif noch der Mensch dazu bereit war und auch wenn ich selbst dieser Mensch war. Heute weiß ich, das nennt sich Selbstachtung!

Authentisch-Sein

Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, konnte ich erkennen, dass emotionaler Schmerz und Leid nur Warnungen für mich sind, gegen meine eigene Wahrheit zu leben. Heute weiß ich, das nennt man Authentisch-Sein!

Reife

Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört, mich nach einem anderen Leben zu sehnen und konnte sehen, dass alles um mich herum eine Aufforderung zum Wachsen war. Heute weiß ich, das nennt man Reife!

Ehrlichkeit

Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört, mich meiner freien Zeit zu berauben und ich habe aufgehört, weiter grandiose Projekte für die Zukunft zu entwickeln. Heute mache ich nur, was mir Spaß und Freude bereitet, was ich liebe und was mein Herz zum Lachen bringt, auf meine eigene Art und Weise und in meinem Tempo. Heute weiß ich, das nennt man Ehrlichkeit!

Selbstliebe

Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, habe ich mich von allem befreit, was nicht gesund für mich war, von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen und von allem, das mich immer wieder hinunterzog, weg von mir selbst. Anfangs nannte ich das gesunden Egoismus, aber heute weiß ich, das ist Selbstliebe!

Einfach-Sein

Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, hörte ich auf, immer recht haben zu wollen, so habe ich mich weniger geirrt. Heute habe ich erkannt, das nennt man Einfach-Sein!

Vollkommenheit

Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, habe ich mich geweigert, immer weiter in der Vergangenheit zu leben und mich um meine Zukunft zu sorgen. Jetzt lebe ich nur mehr in diesem Augenblick, wo alles stattfindet. So lebe ich jeden Tag und nenne es Vollkommenheit!

Herzensweisheit

Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, da erkannte ich, dass mich mein Denken armselig und krank machen kann. Als ich jedoch meine Herzenskräfte anforderte, bekam mein Verstand einen wichtigen Partner, diese Verbindung nenne ich Herzensweisheit!

Das ist das Leben

Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen, Konflikten und Problemen mit uns selbst und anderen zu fürchten, denn sogar Sterne knallen manchmal aufeinander und es entstehen neue Welten. Heute weiß ich, das ist das Leben!“

Gavin Extence: Das unerhörte Leben des Alex Woods

 „Für Nietzsche war die Ewige Wiederkunft auch eine Möglichkeit, vom Standpunkt eines Atheisten aus über den freien Willen nachzudenken. Seine Perspektive war zu der damaligen Zeit noch die einer Minderheit. Die Ewige Wiederkunft bot ihm die Möglichkeit zu spekulieren, dass es jenseits dieses Lebens nichts gibt. Das hier ist alles, was existiert, und wenn man nach irgendeinem Sinn sucht, muss man ihn im Hier und Jetzt suchen, durch unsere eigenen Anstrengungen und nicht durch irgendeine übernatürliche Macht. Und ich glaube, was Nietzsche damit bezwecken wollte, war ein richtiger Tritt in den Hintern. Das heißt nämlich nichts anderes, als dass wir alle die Verantwortung dafür tragen, die richtigen Entscheidungen zu treffen und das Menschenmögliche zu tun, um unsere einzige Chance nicht zu vermasseln.“

„Wie du weißt, hatte ich mit Religion nie viel am Hut. Ich glaube nicht an vieles, aber an dich glaube ich.“

Helen Macdonald: H wie Habicht

„Die Leben, die wir uns vorgestellt haben, begleiten uns wie die, die wir tatsächlich leben, und manchmal wird uns bewusst, wie viele Leben wir verloren haben.“

„Zu einer bestimmten Zeit im Leben erwarten wir, dass die Welt ständig voll von Neuem ist. Dann kommt der Tag, an dem uns bewusst wird, dass das nicht der Fall sein wird. Wir erkennen, dass sich das Leben aus Löchern zusammensetzt. Aus Dingen, die fehlen. Aus Verlusten. Dinge, die einmal da waren und nun nicht mehr da sind. Und wir erkennen, dass wir um diese Lücken herum und zwischen sie hineinwachsen müssen, obwohl wir die Hand ausstrecken und dort, wo die Dinge waren, den öden Raum fühlen können, wo jetzt die Erinnerungen sind.“ 

Michael Köhlmeier: Die Abenteuer des Joel Spazierer

„Ich fühlte mich sehr wohl. Weil alles Bedeutung war, hatte nichts Bedeutung- ich meine: nichts Einzelnes. Der Mensch war nicht angehalten, etwas Bedeutendes zu tun; sein Leben war auch lebenswert, ohne dass er ihm Bedeutung gab. Man stelle sich diese Erleichterung vor! Weil die Zukunft wissenschaftlich garantiert war wie der Wärmetod des Universums als Endprodukt der Entropie, durfte man sich getrost in der Gegenwart zurücklehnen. Man war einfach! Und alles war irgendwie wurscht…

Das Wort wunderbar irritierte mich. Gegen den Zufall hatte ich nichts. In Elsbeths Welt war der Zufall die Normalität. Und nichts anderes als Normalität wollte ich für Elsbeth sein. Nicht Wunder, ja nicht Wunder! Allmählich hässlich werden wollte ich mit ihr an ihrer Seite, Bierbauch und Moos ansetzen und ohne Ambition und Ehrgeiz und ohne eigene Bedeutung in einem Meer von Bedeutung und Bestimmung treiben – und irgendwann ade! Um einen solchen Entschluss zu fassen, braucht man sich nicht länger zu kennen als ein paar Tage.“

Kurt Tucholsky: Deutschland, Deutschland

Nun haben wir auf vielen Seiten Nein gesagt, Nein aus Mitleid und Nein aus Liebe, Nein aus Haß und Nein aus Leidenschaft – und nun wollen wir auch einmal Ja sagen. Ja –: zu der Landschaft und zu dem Land Deutschland. Dem Land, in dem wir geboren sind und dessen Sprache wir sprechen. Der Staat schere sich fort, wenn wir unsere Heimat lieben. Warum grade sie – warum nicht eins von den andern Ländern –? Es gibt so schöne. Ja, aber unser Herz spricht dort nicht. Und wenn es spricht, dann in einer andern Sprache – wir sagen ›Sie‹ zum Boden; wir bewundern ihn, wir schätzen ihn – aber es ist nicht das. Es besteht kein Grund, vor jedem Fleck Deutschlands in die Knie zu sinken und zu lügen: wie schön! Aber es ist da etwas allen Gegenden Gemeinsames – und für jeden von uns ist es anders. Dem einen geht das Herz auf in den Bergen, wo Feld und Wiese in die kleinen Straßen sehen, am Rand der Gebirgsseen, wo es nach Wasser und Holz und Felsen riecht, und wo man einsam sein kann; wenn da einer seine Heimat hat, dann hört er dort ihr Herz klopfen. Das ist in schlechten Büchern, in noch dümmeren Versen und in Filmen schon so verfälscht, dass man sich beinah schämt, zu sagen: man liebe seine Heimat. Wer aber weiß, was die Musik der Berge ist, wer die tönen hören kann, wer den Rhythmus einer Landschaft spürt … nein, wer gar nichts andres spürt, als dass er zu Hause ist; dass das da sein Land ist, sein Berg, sein See, auch wenn er nicht einen Fuß des Bodens besitzt … es gibt ein Gefühl jenseits aller Politik, und aus diesem Gefühl heraus lieben wir dieses Land. Wir lieben es, weil die Luft so durch die Gassen fließt und nicht anders, der uns gewohnten Lichtwirkung wegen – aus tausend Gründen, die man nicht aufzählen kann, die uns nicht einmal bewußt sind und die doch tief im Blut sitzen…

… Und der Buchenwald; und das Moos, auf dem es sich weich geht, dass der Schritt nicht zu hören ist; und der kleine Weiher, mitten im Wald, auf dem die Mücken tanzen – man kann die Bäume anfassen, und wenn der Wind in ihnen saust, verstehen wir seine Sprache. Aus Scherz hat dieses Buch den Titel ›Deutschland, Deutschland über alles‹ bekommen, jenen törichten Vers eines großmäuligen Gedichts. Nein, Deutschland steht nicht über allem und ist nicht über allem – niemals. Aber mit allen soll es sein, unser Land. Und hier stehe das Bekenntnis, in das dieses Buch münden soll: Ja, wir lieben dieses Land.

Und nun will ich euch mal etwas sagen: Es ist ja nicht wahr, dass jene, die sich ›national‹ nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben. Weder der Regierungsvertreter im Gehrock, noch der Oberstudienrat, noch die Herren und Damen des Stahlhelms allein sind Deutschland. Wir sind auch noch da. Sie reißen den Mund auf und rufen: »Im Namen Deutschlands … !« Sie rufen: »Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.« Es ist nicht wahr. Im Patriotismus lassen wir uns von jedem übertreffen – wir fühlen international. In der Heimatliebe von niemand – nicht einmal von jenen, auf deren Namen das Land grundbuchlich eingetragen ist. Unser ist es. Und so widerwärtig mir jene sind, die – umgekehrte Nationalisten – nun überhaupt nichts mehr Gutes an diesem Lande lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle – so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land. Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluß und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land. Wir haben das Recht, Deutschland zu hassen – weil wir es lieben. Man hat uns zu berücksichtigen, wenn man von Deutschland spricht, uns: Kommunisten, junge Sozialisten, Pazifisten, Freiheitliebende aller Grade; man hat uns mitzudenken, wenn ›Deutschland‹ gedacht wird … wie einfach, so zu tun, als bestehe Deutschland nur aus den nationalen Verbänden. Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir.

Und in allen Gegensätzen steht – unerschütterlich, ohne Fahne, ohne Leierkasten, ohne Sentimentalität und ohne gezücktes Schwert – die stille Liebe zu unserer Heimat.

Saša Stanišić: Herkunft

„Von Heimat sprechen sie selten. Wenn, dann meinen sie keinen konkreten Ort. Heimat, sagt der Weltenbummler Mo, ist dort, wo man sich am wenigsten vornehmen muss.“

Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht

„Ich musste an einen Film denken, den ich vor ein paar Jahren gesehen hatte: Der Geist und die Dunkelheit, eine wunderschöne Geschichte über Jäger und Löwen.

Val Kilmer fragt Michael Douglas: „Hast du jemals dein Ziel verfehlt?“

Antwort: „Nur im Leben.“

Gregory David Roberts: Shantaram

„…Heute bin ich einsamer und weiser, und ich weiß, dass weder Grausamkeit noch Reue die typischsten Eigenschaften der Menschen sind. Sondern dass wir uns auszeichnen durch unsere Fähigkeit zu vergeben. Ohne Vergebung hätte unsere Spezies sich längst in Racheakten ausgelöscht. Ohne Vergebung gäbe es keine Geschichte. Ohne diese Hoffnung gäbe es auch keine Kunst, denn jedes Kunstwerk ist in gewisser Weise ein Akt der Vergebung. Ohne diesen Traum gäbe es keine Liebe, denn jede Geste der Liebe ist in gewisser Weise ein Versprechen zu vergeben. Wir leben, weil wir lieben können, und wir lieben, weil wir vergeben können.“

Cody McFadyen: Die Blutlinie

„Wir vertrugen uns natürlich wieder und überwanden unsere Krise. Darum geht es bei der Liebe, das begriff ich irgendwann in meinem tiefsten Innern. Liebe ist nicht Romantik oder Leidenschaft. Liebe ist ein Zustand der Gnade. Man erfährt sie, wenn man die absolute Wahrheit über den anderen akzeptiert, sowohl seine schlechten als auch seine guten Seiten. Und wenn der andere dies ebenso einem selbst gegenüber tut und man feststellt, dass man immer noch sein Leben mit ihm teilen möchte. Wenn man vom anderen die schlimmsten Dinge weiß und ihn trotzdem mit Leib und Seele will. Und weiß, dass es dem anderen genauso geht.

Das vermittelt einem ein Gefühl von Sicherheit und Stärke. Und wenn man dieses Stadium erreicht hat, sind Romantik und Leidenschaft nicht mehr glühend und heftig, sondern unverwüstlich und ewig. – Bis einer stirbt, heißt das.“

Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte

„Ich glaube ganz sicher, dass wir alle auf die ein oder andere Art Schaden erleiden. Wie sollte es anders sein, außer in einer Welt mit perfekten Eltern, Geschwistern, Nachbarn und Gefährten? Und dann stellt sich die Frage, von der so viel abhängt, wie wir mit diesem Schaden umgehen: Ob wir ihn zugeben oder unterdrücken, und wie sich das auf unsere Beziehungen zu anderen auswirkt. Manche Leute geben den Schaden zu und versuchen, ihn zu mildern; andere versuchen ihr Leben lang, anderen, die einen Schaden erlitten haben, zu helfen; dann gibt es noch die, deren größte Sorge es ist, um jeden Preis weiteren Schaden von sich abzuwehren. Und das sind die Skrupellosen, vor denen man sich in Acht nehmen muss.“

Jorge Bucay: Komm, ich erzähl dir eine Geschichte

(Bucay ist ein argentinischer Psychotherapeut, der gerne mit Geschichten arbeitet. In diesem Buch kommt sein Klient (Demian) immer wieder zu den einzelnen Sitzungen bei ihm (Jorge, der Dicke) und wird zu jedem Thema, das er anspricht, mit einer neuen Geschichte nach Hause geschickt.

„Bisweilen führte ich mich ganz und gar unmöglich auf, nämlich dann, wenn ich aus der Praxis kam und versuchte zu verstehen, was mir Jorge mit der Geschichte hatte sagen wollen. Das folgende war dann unvermeidlich: Ich kam in die nächste Sitzung, um dem Dicken zu beweisen, dass ich die Bedeutung der Geschichte erraten hatte, was ihn, wie zu erwarten war, fuchsteufelswild machte.

‚Welche Rolle spielt es, was ich mit der Geschichte sagen wollte? Wenn sie überhaupt eine Aussage hat, dann nur die, die sie für dich hat. Das hier ist kein Schulunterricht, und ich bin nicht derjenige, der überprüft, ob du brav herausgefunden hast, was ich hiermit oder damit sagen wollte, verdammt noch mal. Wenn ich etwas sage, meine ich genau das, was ich sage, und wenn ich etwas anderes hätte sagen wollen, hätte ich mit Sicherheit etwas anderes gesagt. Demian, mit dieser Einstellung benutzt du die Geschichte nur dazu, dein Ego unter Beweis zu stellen und deine Eitelkeit zu pflegen.‘“

Pete Dexter: Deadwood

„Wenn man etwas verstehen will, muss man es im Zusammenhang sehen. So wird manchmal aus Verständnis Liebe.“

Chad Harbach: Die Kunst des Feldspiels

„Wahrscheinlich war die Kette der Fehler ein makelloser Kreis, ganz ohne Enden. Im Leben eines Menschen gab es kein Warum und nur selten ein Wie. Auf der Suche nach hilfreicher Lebensweisheit kam man zwangsweise doch immer wieder zu den abgegriffenen Konzepten wie Güte, Nachsicht und unendliche Geduld zurück. Salomo und Lincoln: Auch das geht vorbei. Und das tat es verdammt nochmal auch. Oder Tschechow: Nichts geht vorbei. Stimmte genauso.“

Jean-Claude Izzo: Die Marseille-Trilogie

„Woran lag es, fragte ich mich, dass Kinder aus derselben Familie unterschiedliche Wege gingen?…Wie? Warum? Das Leben war voller solcher Fragen ohne Antwort. Dort, wo es keine Antworten gab, verbarg sich manchmal gerade ein Schlupfloch für ein kleines Glück. Als wollte es den Statistiken eine lange Nase drehen.“

Sheldon B. Kopp: Triffst Du Buddha unterwegs…

Ein Teil dessen, was die Leute in der Ehe suchen, ist ihre eigene zweite Hälfte. Jeder von uns ist in gewisser Weise unvollständig; einige Seiten sind überentwickelt, andere vernachlässigt. Was wir selbst nicht zu haben glauben (zum Beispiel Aggressivität oder Güte, Spontaneität oder Stabilität), suchen wir im anderen… Was uns fehlt, suchen wir in denen, die wir uns als Partner wählen, und bekämpfen es dann. Wir heiraten den anderen, weil er (sie) anders ist als wir, und dann klagen wir: ‚Warum kann er (sie) nicht mehr so wie ich sein?‘“

David Mitchell: Der dreizehnte Monat

„Worte sind die Waffen, mit denen du kämpfst, aber der eigentliche Kampf besteht darin, ob du dich traust, sie einzusetzen.“

Augustus Y. Napier, Carl A. Whitaker: Die Bergers (Beispiel einer erfolgreichen Familientherapie)

„Die Welt einer Familie bildet und festigt sich in Jahren des Zusammenlebens, und die Wurzeln ihrer gegenwärtigen Welterfahrung reichen tief in die Geschichte. Wenn die Familie die Praxis des Therapeuten betritt, ist alles, was ihr jemals geschehen ist – auch einiges, was ihr nicht selbst widerfahren ist, sondern den Vorfahren – in ihrem System lebendig gegenwärtig. Aber die Familie muss uns nicht alles über ihre Welt erzählen, man erkennt schon einiges an der Art, wie die Mitglieder miteinander umgehen: wie sie sitzen, wie sie miteinander reden, ihr Tonfall, ihre Vorstellungen und Vermutungen über das Leben. Gemäß den Kräften, die auf sie einwirken, und aufgrund ihrer eigenen Entscheidungen haben sie ein fest gefügtes Lebenssystem geformt, dessen Sinn nur sie kennen und das für sie unersetzlich ist. Ihr Gefühlsleben unterliegt Schwankungen, die absehbar sind wie die Gezeiten. Sie sind eine Welt, ein Sonnensystem, ein kleines Universum der Erfahrung.“

Connie Palmen: Die Erbschaft

„ ‚Fernsehen ist etwas Einsames, und wenn es nicht einsam ist, dann ist es intim‘, las ich nachts.

Jemand, mit dem man zusammen fernsieht, den muss man lieben, sonst geht es nicht.

Dann redet man zu viel und spielt sich auf und tut, als hätte man nicht einen Teil von sich abgesondert.

Zu zweit fernsehen ist intim, weil man zwar zusammen ist, dem anderen aber trotzdem diese Einsamkeit und Absonderung, diesen abgedrifteten, ein wenig betäubten Geist zugesteht, der sich, dessen ist man sich bewusst, gerade mal eine Weile nicht mit einem beschäftigt oder zumindest nicht darüber reden will, falls er es doch tut. Der Fernseher erlegt jedem Schweigen auf.

Es ist natürlich illusorisch zu denken, dass man genau dasselbe sieht, wenn man sich dasselbe anschaut.

Man teilt zwar die Bilder miteinander, aber nicht mehr das, was sie im Kopf in Gang setzen, dieses höchst Individuelle, das Denken ist….

… Ich habe mich oft gefragt, warum ich mich schäme, wenn ich einen Abend lang allein ferngesehen habe. Vielleicht hat mir ein guter Freund unbewusst die Antwort darauf gegeben, als er erklärte, warum er seine Familie so gern um sich habe: ‚Sonst ist niemand da, von dem ich mich zurückziehen kann.‘…“

Bernhard Schlink: Der Vorleser

„Oft genug habe ich im Laufe meines Lebens getan, wofür ich mich nicht entschieden hatte. Und nicht getan, wofür ich mich entschieden hatte. Es, was immer es sein mag, handelt; es fährt zu der Frau, die ich nicht mehr sehen will, macht gegenüber dem Vorgesetzten die Bemerkung, mit der ich mich um Kopf und Kragen rede, raucht weiter, obwohl ich mich entschlossen habe, das Rauchen aufzugeben, und gibt das Rauchen auf, nachdem ich eingesehen habe, dass ich Raucher bin und bleiben werde. Ich meine nicht, dass Denken und Entscheiden keinen Einfluss auf das Handeln hätten. Aber das Handeln vollzieht nicht einfach, was davor gedacht und entschieden wurde. Es hat seine eigene Quelle.“

Noam Shpancer: Der gute Psychologe

„Die Realität hat viele Schichten“, sagt er. „Und es lohnt sich, sie von unterschiedlichen Perspektiven aus zu betrachten, um ein besseres, exakteres Bild zu gewinnen. In Ihrem Kopf, in jedem Kopf, findet ein Dialog statt, an dem viele Stimmen beteiligt sind. Es ist wichtig, ihnen allen zuzuhören. Die lauteste Stimme, die, die schreit und sich vordrängt und schubst, ist nicht immer die klügste oder die richtige. Ich zu sagen bedeutet eine grobe Verallgemeinerung. Manchmal funktioniert es, ist es eine nützliche Abkürzung; aber meist, oder zumindest wenn es wichtige Themen betrifft, tut man gut daran, genau hinzuhören, sowohl dem Schüchternen als auch dem Stotterer einmal das Mikrofon zu überlassen…Angst ist ein wichtiger Ratgeber, aber ein lausiger Anführer. Man kann auf ihren Rat hören, darf ihr aber nicht die Führung überlassen. Mut ist ein weiser Anführer. Dem sollten Sie folgen.“

Susan Sontag: Krankheit als Metapher

Krankheit als Metapher ist der Titel eines 1978 erschienenen Essays der US-amerikanischen Publizistin und Schriftstellerin Susan Sontag .In den 1970er-Jahren wurde in der amerikanischen Öffentlichkeit stark die Vorstellung diskutiert, dass die Krankheit Krebs als ein Bild für etwas anderes und damit als eine Metapher verstanden werden könne. Im Fall von Krebs sollte die Erkrankung die Unfähigkeit des Kranken widerspiegeln, Gefühle auszudrücken und auszuleben, und in letzter Konsequenz diese „Unfähigkeit“ sogar Ursache für die Krankheit sein. In dieser Sicht wäre Krebs letztlich selbst verschuldet. Nach Sontag ist heute Aids an die Stelle von Krebs getreten. In ihrem Folgewerk AIDS and its Metaphors  setzte sie sich intensiv dafür ein, dass Krankheit nicht als Metapher verstanden wird.

Helm Stierlin: Delegation und Familie

„Ein Kind (vorzugsweise ein Jugendlicher), das delegiert wird, erhält die Erlaubnis und Ermutigung, aus dem elterlichen Umkreis herauszutreten – aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Es wird sozusagen an langer Leine gehalten, und seine Freilassung erfolgt nur bedingt und begrenzt. Eine solche spezielle Bedingung ist bereits in dem ursprünglichen lateinischen Verbum delegare enthalten, das erstens aussenden und zweitens mit einer Mission betrauen bedeutet. Letzteres besagt, dass der Delegierte zwar fortgeschickt wird, aber dem Sender verpflichtet bleibt. Das ist nur möglich auf der Grundlage einer starken, obwohl oft unsichtbaren und selektiven Loyalität.“

Jeanette Winterson: Warum glücklich statt einfach nur normal?

„Erwachsen zu werden ist schwer. Selbst wenn wir körperlich ausgewachsen sind, müssen wir auf der Gefühlsebene seltsamerweise immer weiter wachsen, und das bedeutet Ausdehnung und Schrumpfung, da sich manche Aspekte von uns entwickeln und sich andere zurückbilden wollen… Starre funktioniert nie; sonst haben wir am Ende die falsche Größe für unsere Welt.“

Irvin D. Yalom: In die Sonne schauen

„Auch ich fürchte den Tod, wie jeder Mensch. Er ist unser düsterer Schatten, der sich nicht abschütteln lässt. Dennoch ist dies kein düsteres Buch. Meine Hoffnung ist vielmehr, dass wir begreifen, wie kostbar jeder Moment ist und wie tröstlich unser Miteinander, wenn wir unserer Endlichkeit, unserer kurzen Zeit im Licht, wirklich ins Auge sehen.“

Irvin D. Yalom: Die Liebe und ihr Henker (& andere Geschichten aus der Psychotherapie)

„Die Beziehung zwischen Therapeut und Patient ist das Medium der Heilung – mein beruflicher Rosenkranz. Das bete ich meinen Studenten immer wieder vor. Und ich sage ihnen auch, welches die Voraussetzungen für eine solche Beziehung sind – uneingeschränkte Aufmerksamkeit, bedingungsloses Akzeptieren, echtes Engagement, emphatisches Verständnis.“

F. Scott Fitzgerald: Der große Gatsby

So stemmen wir uns voran, in Booten gegen den Strom, und werden doch immer wieder zurückgeworfen ins Vergangene.“

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